· End‑to‑End Product Design Case — von Research bis zum High‑Fidelity‑Prototyp ·

8. April – 28. Juli 2026

Ajar – eine sanfte Begleiter‑App, die Erwachsenen mit ADHS hilft, liegengebliebene Briefe und bürokratische Aufgaben pünktlich zu erledigen — bevor daraus die „ADHS‑Steuer“ wird.

Tools

  • Figma
  • Miro
  • Claude (Cowork)
  • WhisperNotes*

Research

  • 5 Interviews
  • 20 Umfragen
  • 3 Iterationsrunden
Ajar app splash screen on an iPhone, showing a sitting cat silhouette above the app name

Das Problem

93 % der Menschen mit ADHS, die ich befragt habe, wissen genau, was ansteht — und schaffen es trotzdem nicht, mit der Aufgabe anzufangen. Viele haben im Job durch feste Termine und andere Menschen Struktur, scheitern aber privat allein an Papierkram und wiederkehrenden bürokratischen Aufgaben.

Ein Interview hat das Problem greifbar gemacht: Eine Person hatte einen Brief wochenlang nicht geöffnet, aus Angst vor dem, was darin stehen könnte — am Ende war die Frist verpasst und das Konto gesperrt.

Betroffene nennen das die „ADHS‑Steuer". Es ist aber keine Faulheit, sondern Handlungsparalyse durch Angst vor dem Unbekannten, verstärkt durch Zeitblindheit, bei der jede Aufgabe gleich dringend wirkt. Hinzu kommt ein medizinisch gut belegter Zusammenhang: Menschen mit ADHS haben häufig auch grundsätzliche Schwierigkeiten beim Lesen.

93 %

kennen die Aufgabe, können aber nicht anfangen.

Ich habe den Brief nicht geöffnet — es hat so lange gedauert, dass die Frist verpasst wurde und mein Konto geschlossen wurde.

Prozess & Schlüsselentscheidungen

Entscheidung 1

Zielgruppen‑Fokus

Fokus auf Erwachsene mit ADHS, die im Job durch äußere Struktur (Deadlines, andere Menschen) gut funktionieren, aber privat ohne diese Struktur bei Alltagsaufgaben einfrieren. Der Schmerzpunkt war hier am größten, weil Scham und Leidensdruck hoch sind, aber kaum sichtbar.

Entscheidung 2

Ursprüngliche Hypothese (breiter Ansatz)

Erster Gedanke: eine App für beliebige wiederkehrende Alltagsaufgaben. Täglich wird eine Aufgabe zugelost oder gewählt — Briefe waren nur einer von mehreren möglichen Aufgabentypen, etwa einmal pro Woche. Kerngedanke schon hier: Externalisierung der Entscheidung — die App bestimmt, was heute zu tun ist, damit die Person nicht selbst entscheiden und priorisieren muss. Das Wichtigste war, die Aufgabe überhaupt anzufangen — den ersten Schritt zu machen. Aus dem Research weiß ich: Der erste Schritt ist für Menschen mit ADHS besonders schwierig — ist er aber einmal gemacht, wird die Aufgabe meistens auch durchgezogen.

Entscheidung 3

Der Pivot nach Testrunde 1

Der Nutzertest widerlegte die Annahme, dass Briefe „nur eine Aufgabe unter vielen" sind. Die Teilnehmer:innen zeigten: Briefe sind nicht die Nebensache — sie sind die zentrale Hürde, weil sie zu den langweiligen, bürokratischen Aufgaben gehören, die für Menschen mit ADHS besonders schwer zu bewältigen sind. Die Würfel‑/Zufallsaufgaben‑Mechanik wurde komplett gestrichen, das MVP auf Briefe fokussiert. Das Scannen wurde sofort zum Herzstück der App.

Entscheidung 4

Bewusster Verzicht auf Gamification

Kein Streak‑System. Begründung: Streaks führen bei Verlust zu Frustration und wirken wie eine Strafe — für eine neurodivergente Zielgruppe, die sich ohnehin oft für ihr Scheitern schämt, das falsche Signal. Stattdessen: ein humorvoller, leicht trockener Kommentar der Begleitfigur Mia nach jeder erledigten Aufgabe — Dopamin‑Kick ohne Bestrafungslogik.

Entscheidung 5

Automatisierung des Kalender‑Exports

Von manueller Bestätigung zu automatisiertem Eintrag im externen Kalender, basierend auf einer einmaligen Einstellung im Onboarding. Das senkt Reibung weiter, weil keine Rückfrage mehr nötig ist — ein Link markiert die Aufgabe gleichzeitig auch in der App als erledigt.

Die Lösung

Kern‑Flow: Foto vom Brief → OCR extrahiert Text & Aufgaben → App sagt in einfachen Schritten, was zu tun ist → Export zu Kalender/Trello & Co. → Archiv, durchsuchbar, mit KI‑Unterstützung.
App-Screen: Foto-Scan Aufforderung mit Scan-Button

Foto‑Scan

Nutzer:in fotografiert den Brief oder fügt eine PDF‑/JPG‑Datei ein, statt ihn selbst lesen und verstehen zu müssen. Sie:er macht nur den ersten Schritt — alles Weitere übernimmt die App.

Garantiert ist dabei, dass für heute keine weiteren Schritte mehr folgen — die App wird mithilfe der KI die Aufgaben entsprechend priorisieren. Das nimmt Menschen mit ADHS die Last, die sonst schon vor der nächsten Aufgabe entsteht.

Aufgaben‑Erkennung

Die App zeigt in einfachen Worten, was zu tun ist und bis wann. Zentrale Design‑Entscheidung: Nicht die Person muss den Brief einordnen und verstehen — die App übernimmt das.

Zur kognitiven Entlastung sind die Details zunächst versteckt — man muss nur wissen, was zu tun ist und bis wann. Auch die Zeitangabe zur Dauer der Aufgabe ist für die Zielgruppe sehr bedeutsam: Wer weiß, dass eine Aufgabe nur 3 Minuten dauert, empfindet weniger Druck, Last und Angst. Trotzdem sind alle Infos griffbereit — ein Klick zeigt alle Details, die aus dem Brief entnommen wurden, um die Aufgabe zu erledigen. Den Brief selbst muss man dafür wirklich nicht mehr lesen.

App-Screen: erkannte Aufgabe „Pay your insurance
App-Screen: aufgeklappte Aufgaben-Details mit Betrag, Kontonummer, Frist und Kalender-Toggle

Export

Die Aufgabe wird automatisch in den externen Kalender oder ein Task‑Management‑Tool exportiert, inklusive eines Links im Termin. Über diesen Link kann die Nutzer:in die Aufgabe direkt im externen Tool abschließen — und sie wird dadurch automatisch auch in Ajar als erledigt markiert. Nutzer:innen müssen nichts doppelt markieren.

Archiv

Alle Dokumente, ob gescannt oder digital, werden zentral gespeichert und lassen sich mithilfe von KI durchsuchen, auch bei unsicherer Erinnerung. So hat man seine Unterlagen immer griffbereit — nichts geht verloren. Datenschutz ist von Anfang an mitgedacht: Die App ist auf EU‑Datenschutzrecht ausgelegt.

Swipe

Aufgaben lassen sich direkt in der Liste per Swipe erledigen oder verschieben, ohne die Detailansicht öffnen zu müssen — für reibungslose Bedienung im Alltag.

App-Screen: Aufgabenliste mit Swipe-Aktionen (erledigen, archivieren, löschen)